Charaktere Projektentwicklung
Phase I

Die antagonistischen Kräfte

#Antagonisten
#Figurenentwicklung
#Kreativer Prozess

Gegenspieler sind die zweitwichtigsten Charaktere einer Story. Sie machen die Helden erst zu Helden und ohne sie funktioniert keine Story.


Der zweitwichtigste Charakter nach den Helden, sind die Gegenspieler. Eine Story kommt nicht ohne sie aus. Sie erzeugen den nötigen Konflikt und machen aus Protagonisten Helden. Sie verkörpern die Schattenwelt, die dunkle Seite, die alles daran setzt, die Helden von ihrem rechten Pfad abzubringen.

Leider erfahren die Gegenspieler in vielen Storys bei Weitem nicht so viel Aufmerksamkeit und Hingabe wie die Protagonisten. Dies ist dem falschen Verständnis geschuldet, dass ihre einzige Aufgabe darin besteht, böse zu sein und die Helden vom Erreichen ihres Ziels abzuhalten.

Das resultiert oft in finster dreinblickende Bösewichte, die hinterlistige und gemeine Taten begehen, weil sie nicht anders können. Das könnte falscher nicht sein. 

Gegenspieler sind äußerst faszinierende Charaktere, die den Helden in ihrer Komplexität in nichts nachstehen sollten. Erst wenn Helden und Gegenspieler gleichauf sind, entstehen tiefgreifende Konflikte und erbitterte Kämpfe, die das Publikum bis zum Schluss zweifeln lassen, wer am Ende gewinnt.

The main character is only as good as the person he fights.

John Truby

Im Folgenden wollen wir uns diese antagonistischen Figuren und Kräfte etwas genauer ansehen. Am Schluss findest Du ein paar Tipps, wie man komplexe und glaubhafte Gegenspieler erschaffen kann und wie ich diese auf die Antagonistin meiner Story anwende.

Die antagonistischen Kräfte

Alles, was den Helden auf ihrer Reise in die Quere kommt und sie daran hindern will, erfolgreich zu sein, sind Gegenspieler oder eben antagonistische Kräfte. Diese Kräfte müssen nicht unbedingt menschlicher Natur sein. So können auch Tiere, Fabelwesen, Naturgewalten etc. als Gegenspieler fungieren.

Die antagonistischen Kräfte sind dafür verantwortlich, dass es überhaupt eine Story gibt. Sie erzeugen den Konflikt, auf dem jedes Drama beruht. Sie formen den Hauptcharakter zu jener heldenhaften Figur, mit dem das Publikum bis zum Schluss mitfiebern will. Und obwohl ihre Hauptaufgabe darin beruht, den Protagonisten ihre Ziele streitig zu machen, sind sie schlussendlich dafür verantwortlich, dass die Helden eben jene erreichen.

Sie führen den Helden vor Augen, welche Schwächen es abzulegen gilt und welche inneren Konflikte beigelegt werden müssen, um das gewünschte Ziel zu erlangen. Die Protagonisten werden durch sie an ihre Grenzen gebracht und gezwungen, über sich hinauszuwachsen und dadurch erst zu den Helden mit denen das Publikum mitfiebert.

Wie intellektuell faszinierend und emotional überzeugend ein Protagonist und seine Geschichte sind, hängt allein von den antagonistischen Kräften ab.

Robert McKee

Gegenspieler als Figur

Die antagonistischen Kräfte lassen sich am effektivsten durch handlungsgetriebene Figuren in Szene setzen. Diese müssen nicht unbedingt menschlich sein. Außerirdische oder Tiere sind immer wieder gern verwendetet Antagonisten. Naturkatastrophen etc. bereiten dem Leben der Protagonisten zwar auch enorme Probleme, doch ist es schwer, diesen etwas entgegenzusetzen, geschweige denn, sie zu besiegen.

Daher ist es von Vorteil, wenn im Falle des Katastrophenfilms zusätzlich mindestens ein anderer Charakter die antagonistische Rolle innehat. Ein Hauptgegner, der oder die sich den Helden in den Weg stellt.

Jede Geschichte ist nur so gut wie ihr Bösewicht.  

Christoph Vogler

Die antagonistischen Kräfte sind also das, was permanent aus allen Richtungen an den Helden zerrt und sie vom richtigen Weg abbringen will; in Form von anderen Charakteren, Tieren, Wesen, Naturkatastrophen etc. Das Verhältnis zwischen dem Hauptgegner und den Helden lässt sich hingegen mit zwei Züge vergleichen, die mit Volldampf aufeinander zu rasen.

Spiegeln, Spieglein … 

Was macht nun einen guten Bösewicht aus? Er oder sie muss dazu in der Lage sein, den Helden das Leben so richtig schwer zu machen. Ein Bösewicht tut dies, indem er oder sie die größte Schwachstelle der Protagonisten herausfindet und diese unaufhörlich und ohne Gnade attackiert. Und zwar immer und immer wieder.

Aber nicht, weil er oder sie von purer Bosheit getrieben ist, sondern weil es dafür einen triftigen Grund gibt. Das ist das Entscheidende, was einfältige und langweilige Bösewichte von den richtig Fiesen und Grausamen unterscheidet: Sie haben einen verdammt guten Grund für ihr Handeln.

Und dieser Grund hat wiederum etwas mit den Helden und ihren Zielen zu tun. Im Optimalfall haben Helden und ihre Antagonisten nämlich das Gleiche, wenn nicht sogar dasselbe Ziel. Nur so ist garantiert, dass sich beide immer wieder über den Weg laufen und kollidieren müssen.

Die Hauptgegner sind so gesehen nichts anderes als ein verzerrtes Spiegelbild der Helden. Eine Art böser Zwilling. Sie sind keine Unmenschen, sondern basieren ihre Handlung schlichtweg auf einem anderen Wertesystem, welches sich eklatant von dem der Helden unterscheidet.

So wie die Helden haben auch die Antagonisten ein bestimmtes Ziel. Sie haben Wünsche und Bedürfnisse, werden von Schwächen geplagt, von denen sie noch nichts wissen und sehen sich als die Helden ihrer eigenen Story. Das ist es, was die Antagonisten so faszinierend macht.

In ihren Augen ist ihr Tun genauso berechtigt wie das der Helden. Ihre Handlungen benötigen ebenfalls eine Rechtfertigung, wie das auch bei den Helden der Fall ist. Denn je mehr das Publikum über die Beweggründe der Hauptgegner weiß, desto intensiver empfinden sie den Konflikt zwischen beiden Parteien.

Character, like a photograph, develops in darkness.

Yousuf Karsh

Die Moral von der G’schicht …

Das Publikum entwickelt nicht unbedingt Sympathie, aber sollte doch Empathie mit den tragischen Charakteren, die die Antagonisten nun mal sind, empfinden. Also ist es immer von Vorteil, die Gegenspieler so menschlich wie möglich zu gestalten. Kein Mensch ist durchweg gut, genauso wenig wie kein Mensch ausschließlich böse ist.

Ihr Handeln beruht lediglich auf einem anderen Werte- und Moralverständnis. Somit ist der Konflikt, den Helden und Gegner austragen, kein Kampf Gut gegen Böse, sondern einer um Werte und Moralität.

Dieses andere Werte- und Moralverständnis ist auch der Grund, wieso die Gegenspieler zwar ein ähnliches oder dasselbe Ziel wie die Helden verfolgen sollten. Beide Seiten kämpfen um das Gleiche, doch die Gründe dafür könnten unterschiedlicher nicht sein.

Und genau diese Auseinandersetzung gibt der Story mehr Tiefe und dem Publikum eine zusätzliche Sichtweise auf das zentrale moralische Problem, um das es in der Story geht. So bekommt es eine moralisch richtige (die der Helden) und eine für sich schlüssige und gut begründete, aber moralisch verwerfliche (die der Hauptgegner) Entscheidung dargeboten.

Das erzeugt beim Publikum Identifikation mit den Figuren und es ist in der Lage, das große Ganze der Story besser begreifen zu können.

Sometimes I am two people. Johnny is the nice one. Cash causes all the trouble. They fight.

Johnny Cash

Breaking Point

Die Antagonisten könnte man durchaus als eine Art der Antihelden betrachten. Auch sie waren mal gut, doch etwas in der Vergangenheit hat sie derart aus der Bahn geworfen oder wurde ihnen genommen, was sie daran gehindert hat, ihr Leben so zu leben, wie sie es sich vorgestellt hatten. 

Immer prominente Motive sind dabei Rache, Vergeltung oder Genugtuung für etwas, woran die Helden eventuell mitverantwortlich sind. Diese zusätzlichen Informationen zu den Antagonisten zeigen dem Publikum die Menschlichkeit in der Gegenseite und erzeugen Verständnis und Empathie, ohne jedoch ihre Handlungen gutzuheißen.

There’s a conflict in every human heart, between the rational and the irrational, between good and evil. And good does not always triumph. Sometimes, the dark side overcomes what Lincoln called ‚the better angels of our nature.‘
Every man has a breaking point. You and I have. Walt Kurtz has reached his. And very obviously, he has gone insane.

General Corman (Apocalypse Now)

Das ist ähnlich wie mit den Helden, die auf dem Weg zu ihrem Ziel ebenso etwas unmoralisches Tun müssen, um voranzukommen. So überqueren auch sie gezwungenermaßen die Schwelle in die Schattenwelt und agieren auf der dunklen Seite. Doch schaffen sie es unter größter Anstrengung wieder zurück und schlagen den richtigen Weg ein. Die Antagonisten hingegen bleiben hängen und geben sich der dunklen Seite hin.

So ist es auch ratsam, den Gegnern ebenfalls eine Selbsterkenntnis am Ende der Story zu geben, wie dies bei den Helden der Fall ist. Am besten in einem gegenseitigen Austausch zwischen Held und Gegner im oder als Resultat des finalen Kampfs. So lernen die Helden etwas Wichtiges von ihren Gegnern, die wiederum ihre Selbsterkenntnis von den Helden erhalten.

Zusätzlich untermauern diese gegenseitigen Selbsterkenntnisse das zentrale moralische Problem, um das die Story geht und geben den Autoren ein weiteres Mittel an die Hand, dem Publikum nochmals beide Seite des Konflikts aufzuzeigen und die seiner oder ihrer Ansicht nach richtige Handlungsweise mitzugeben.

You Either Die A Hero Or Live Long Enough To See Yourself Become The Villain.

Harvey Dent (The Dark Knight)

Antagonisten Checkliste

Was braucht es jetzt, um sich einen richtig fiesen und boshaften, aber glaubwürdigen Antagonisten zu erschaffen?

Wie man sehen bzw. lesen konnte, sind sich Hauptgegner und Protagonisten ziemlich ähnlich. Deswegen lassen sich die Antagonisten auch mit vergleichbaren Schritten zum Leben erwecken, wie dies bei den Helden der Fall war.

1. Die Gegner notwendig machen

Die Protagonisten brauchen die Antagonisten zum über-sich-hinauswachsen. Dies geschieht, in dem die Antagonisten die größte Schwäche der Helden kennen und erbarmungslos attackieren; immer und immer wieder und so die Helden zum Handeln und zeitgleich zum Wandeln zwingen.

2. Menschlichkeit

Um den Gegnern einen triftigen und nachvollziehbaren Grund für ihr Handeln zu geben, benötigen sie ein Bedürfnis (Need) und ein Verlangen (Want). Das Bedürfnis offenbart ihre Schwäche, der Punkt, der ihnen zum Verhängnis werden kann. Das Verlangen, also ihr Ziel, sollte dem der Helden ähnlich oder das gleiche sein.

3. Werte

Die Werte der Protagonisten ins Gegenteil drehen. Das Werteverständnis der Antagonisten sollte gegensätzlich zu dem der Helden sein. Dadurch ist ein Konflikt der beiden garantiert.

4. Fehlerhaftes moralisches Argument

Auch die Gegenseite muss gute Gründe für ihr Handeln aufweisen können. Die Begründung sollte stark und überzeugend sein, doch letztendlich moralisch falsch. Dies erzeugt zusätzlich Empathie beim Publikum und lässt die Antagonisten komplexer erscheinen.

5. Ähnlichkeiten

Der Kontrast zwischen Helden und Gegnern wirkt am stärksten, wenn beide Seiten große Ähnlichkeiten aufweisen. Jede Seite zeigt eine andere Herangehensweise zu demselben Problem, dadurch werden die verschiedenen, aber aufschlussreichen Unterschiede zwischen beiden am deutlichsten.

6. Ort

Eine Story lebt von dem Konflikt zwischen Helden und ihren Gegnern. Und dieser Konflikt entsteht nur, wenn beide Seiten wiederholt aufeinandertreffen. Um diese Auseinandersetzung stetig steigern zu können, ist es von Vorteil, wenn beide Parteien am selben Ort angesiedelt sind und gar nicht anders können, als sich immer wieder über den Weg laufen zu müssen.

7. Wandel

Wie die Helden auch, sollten die Antagonisten ebenfalls am Ende der Story eine Selbsterkenntnis haben, die ihnen ihre falschen und unmoralischen Handlungen aufzeigt. Diese Erkenntnis ist nicht dazu da, sich noch zum Guten zu wandeln – diese Möglichkeit besteht natürlich ebenfalls – sondern dient sowohl Helden als auch Publikum zur Bestätigung, dass einzig und allein der Wandel der Helden der moralisch Richtige war.

Characters exist in their own right and in relation to others.

John Costello

Meine Antagonistin

Basierend auf den Charakteren, mit denen ich bisher an meiner Story gefeilt habe, habe ich LENA als meine Antagonistin auserwählt, die das Leben des Protagonisten CHRIS zu Hölle machen wird.

Lena ist Chris’ Protegé, also seine Assistentin, die von seinem Erfolg profitieren will. Hier noch mal die aktuelle Logline der Story zur Erinnerung:

Als mysteriöse Ereignisse das Leben eines gefeierten Autors auf den Kopf stellen, muss er verhindern, dass sein Lebenswerk durch seinen erfolgshungrigen Protegé zerstört wird.

👉 Tipps zum formulieren einer Logline gibt es HIER.

Anhand der oben erwähnten Schritte habe ich Lena nun wie folgt erschaffen:

1. Die Gegner notwendig machen

Lena ist notwendig, da sie Chris einen Spiegel vorhält, in was für ein Monster er sich verwandelt hat.

2. Menschlichkeit

Lenas Bedürfnis (Need): Sie muss erkennen, dass ihr krankhafter Neid der Grund ist, warum sie keine Anerkennung als Autorin bekommt.

Lenas Verlangen (Want): Sie will endlich ihren Durchbruch als Schriftstellerin haben. Und das schafft sie nur, indem sie das Manuskript von Chris an sich bringen kann.

3. Werte

Lenas Werte: Leidenschaft, Unabhängigkeit, Zielstrebigkeit

4. Fehlerhaftes moralisches Argument

Lena wird von Chris schamlos ausgenutzt und abwertend behandelt, und man bekommt den Eindruck, dass sie mehr zu seinem neuem Buch beigesteuert hat als er. Also sieht sie es als gerechtfertigt an, sich für ihre Arbeit endlich zu entlohnen.

5. Ähnlichkeiten

Die Charaktere werden so angelegt werden, dass Chris und Lena eigentlich dieselbe Person sind, nur jeweils in ihren positiven und negativen Extremen. Diese kehren sich im Verlauf der Story um, sodass Chris am Ende den richtigen Wandel, zum Positiven, durchgemacht hat.

6. Wandel

Hier gibt es eine Spoilerwarnung. Bin mir schon ziemlich sicher, dass die Story darauf hinauslaufen wird, muss mir aber noch eine gute Auflösung dazu überlegen.

Lenas Selbsterkenntnis: Sie erkennt, dass sie nicht echt, sondern Chris’ Fantasie entsprungen ist.

7. Ort

Ein abgelegenes Haus, wo keiner so einfach wegkann.


Da ist sie nun, meine Antagonistin. Natürlich wird sich im Verlauf der Storyentwicklung hier und da noch einiges ändern. Zumal ich ja noch gar nicht angefangen habe, die ebenfalls wichtigen Nebencharaktere auszuarbeiten und dem Netz aus Charakteren hinzuzufügen. 

Das werde ich im nächsten Schritt angehen und Dir in Kürze hier berichten, was ich dabei herausgefunden habe. Für den Fall, dass Du mir bei der Recherche und Aufarbeitung des Themas der Nebencharaktere über die Schulter schauen möchtest, dann trage Dich einfach in meinen Newsletter ein.

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